So beginnt das Buch:

und nocn ein Abschnitt zur Probe

Gerd Grevenhagens blonde Haare standen zu Berge.
Aber das täuschte. Sie sahen meistens so aus. Der junge Mann saß in der Fahrerkabine. Der Motor seines 1838 Mercedes Lastzugs dröhnte von unten, vertrauenerweckend wie immer.
Draußen glitt die Landschaft vorbei. Links hohe Felsen, rechts eine Mauer, dahinter ein Abgrund. Kurvig mit schlechter Sicht nach vorne, wenn sich die Straße mal wieder um eine Felsnase wand. Aber nicht so enge Kurven, dass man richtig langsam fahren musste. Gelegentlich leichter Nebel.
Die dreihundertachtzig PS hielten den Lastzug auf über 60 km/h, auch wenn es die ganze Zeit bergauf ging.
Der Fahrer war angespannt. Es ging um so viel! Er musste es ohne Zwischenfälle bis zum Depot am Ende dieses Tals schaffen, sonst gab es eine Menge Schwierigkeiten. Nicht auszudenken, was alles passieren konnte!
Vorhin auf der Autobahn war alles glatt gegangen. Lediglich ein Stau, der plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war. Aber er kannte das schon, er fuhr hier jetzt bestimmt zum hundertsten Mal entlang. Die Autobahn fand er immer besonders trostlos. Links und rechts nur Schallschutzwände, Gras und ein paar Schilder. Ödnis pur.
Aber die Technik hatte mitgespielt. Keine Probleme. Auch nicht mit der Lenkung, an der er gerade gearbeitet hatte. Darin war er Spezialist. Im LKW-Fahren weniger. Genaugenommen hatte er noch nicht einmal einen Führer-schein.
Nicht dass ihm das irgendetwas ausgemacht hätte.
Hier in dem Tal mit den Felswänden hatte er weniger diesen Eindruck von Trostlosigkeit.
Der Verkehr wurde dichter. Eine lange Kolonne hinter einem Tankwagen kam ihm entgegen. Weiter vor ihm fuhren einige PKWs hinter einem langsamen blauen Sattelzug her. Wenn er die eingeholt hatte, war es sowieso vorbei mit dem Schnellfahren.
Egal, Hauptsache, er kam heil an!
Plötzlich scherte aus der Kolonne, die ihm entgegenkam, ein blauer Golf halb auf die Gegenfahrbahn aus.
"Du verdammter Idiot!" zischte Grevenhagen.
Der Golf wollte tatsächlich hier überholen, auf einer zweispurigen Straße ohne Ausweichmöglichkeiten oder Randstreifen. Der Platz zwischen dem Golf und der Mauer würde nicht reichen!
Der Fahrer riss den schweren Lastzug ruckartig nach rechts. Die Kabine schaukelte heftig! Sofort korrigierte er wieder, um nicht mit der Mauer zu kollidieren.
Plötzlich zog es den LKW wie von Geisterhand nach links, direkt auf die entgegenkommende Kolonne zu!
Der Fahrer kurbelte wie wild am Lenkrad und versuchte, wieder in Geradeausfahrt zu kommen. Der Golf war gerade noch rechtzeitig wieder eingeschert.
Er schaffte es nicht. Das Fahrzeug reagierte nicht mehr auf die Lenkung!
Es schepperte laut, als der Achtunddreißigtonner mit der linken vorderen Ecke seitlich in den Geländewagen vom Typ Rover Discovery krachte, der hinter dem Golf in der Schlange fuhr.
Der Fahrer holte tief Luft.
Verdammte Scheiße, es hatte nicht funktioniert!
Gerd Grevenhagen öffnete die Fahrertür und stieg aus.
Draußen stand sein Chef, Dr. Borghold. Daneben ein Kollege, beide hatten zugesehen.
"Sie haben das Problem mit der Lenkung nicht im Griff. Am Montag kommt die Bundeswehr, dann muss das gelöst sein. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, was passiert, wenn die den Eindruck bekommen, dass unser Simulator nicht einwandfrei funktioniert!"
Der Chef rauschte hinaus.
Grevenhagen wandte sich seinem Kollegen zu.
Der war völlig entnervt und starrte auf den Unfall.
Man konnte ihn nun in aller Ruhe betrachten, von der Seite dargestellt auf der riesigen sphärischen 3D-Projektionsleinwand, die vor der Fahrerkabine aufgebaut war. Man sah, wie der LKW circa einen Meter tief mitten in dem Geländewagen steckte. Verbogen war allerdings nichts, das konnte die Computergrafik noch nicht.
Das Ganze machte einen futuristischen Eindruck. Eine Fahrerkabine ohne Räder saß auf einem sechsbeinigen System, das sie bei wilderen Manövern bedrohlich ins Schwanken bringen konnte. Noch darüber erhob sich eine schwarze Bühne, auf der wuchtige Computer-Projektoren thronten, die auf der Leinwand die Illusion einer dreidimensionalen Welt hervorriefen.
Die Anlage stand in Dortmund, in einer kleinen Halle versteckt hinter einem unauffälligen neuen Bürogebäude im Westen der Stadt, nahe der Autobahn 40, die früher einmal Ruhrschnellweg geheißen hatte. Jetzt staute man sich hier öfter als dass man fahren konnte. Aber Projekte wie dieser LKW-Fahrsimulator sollten das Ruhrgebiet wieder in Schwung bringen, wenn man den Hochglanzprospekten trauen wollte.
Die Fahrgeräusche waren verstummt, man hörte nur noch das Rauschen der Computeranlage und die Lüftung der riesigen Projektoren, die über der Fahrerkabine installiert waren.
"Tja, das Wochenende können wir dann wohl vergessen!" sagte der Kollege.
Gerd Grevenhagen reagierte nicht. Er war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hatte eine Art speziellen Mini-Computer entwickelt, der in der Fahrerkabine die unzähligen Lampen, die Schalter, das Lenkrad, die Gangschaltung und alles andere mit dem großen Simulationsrechner verband. Er war ein Spezialist auf dem Gebiet, wie es nur wenige gab.
Er war außerdem auch einer dieser Spezialisten, die das normale Leben nicht groß kümmerte. Friseure, Klamottenläden und französische Küche überließ er den Anderen. Für ihn waren es die großen Abenteuer der miniaturisierten Elektronik, die das Leben lebenswert machten.
Allerdings wusste er ganz sicher, dass er sich an diesem Wochenende nicht mit dem Fehler in der Lenkung befassen würde. Er hatte etwas besseres vor. Etwas, von dem er das Gefühl hatte, dass es seinem Leben eine völlig neue Wendung geben könnte.
Man musste eben manchmal Risiken eingehen, um etwas zu erreichen.
Das wusste er schon lange, irgendwie. Aber darüber nachdenken, und es dann tun, das waren zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Lange genug hatte er das Problem vor sich hergeschoben, und jetzt würde er sich durch seinen kleinlichen Chef nicht von diesem Schritt abbringen lassen.
Er klatschte das Stück Kabel, das ihm irgendwie in die Hände geraten war, auf den Labortisch an der Wand, dass sein Kollege zusammenzuckte.
"Schau'n wir mal!" war alles, was er sagte.